Der Fachkräftemangel in der Pflege ist real, und jede Kündigung kostet doppelt: einmal das Wissen, das geht, und einmal die Zeit und das Geld für die Nachbesetzung. Wer seine Leute hält, gewinnt also gleich mehrfach. Die gute Nachricht: Bindung ist planbar, wenn man an den richtigen Stellen ansetzt.
Das Wichtigste in Kürze:
- Warum gekündigt wird: selten wegen des Gehalts allein, viel öfter wegen Überlastung, unzuverlässiger Dienstpläne und fehlender Wertschätzung.
- Die stärksten Hebel: verlässliche Dienstpläne, echte Mitsprache, Entwicklungsperspektiven und eine gute Einarbeitung.
- Der Einstieg: ehrliche Bestandsaufnahme im Team, dann zwei bis drei schnell spürbare Verbesserungen umsetzen.
- Die Zahl, die den Druck erklärt: auf 100 gemeldete Stellen für examinierte Pflegefachkräfte kamen im Jahresdurchschnitt 2025 nur 57 Arbeitslose. Wer geht, ist schwer zu ersetzen.
Warum Mitarbeitende gehen
Die wenigsten kündigen wegen des Gehalts allein. Viel häufiger sind es dieselben Muster:
- dauerhafte Überlastung und ständiges Einspringen
- unzuverlässige Dienstpläne, die kein Privatleben zulassen
- fehlende Wertschätzung und kaum Rückmeldung
- keine Perspektive, sich weiterzuentwickeln
- Führung, die nicht zuhört
Was die Zahlen dazu hergeben
Der Arbeitsmarkt gibt Ihnen kaum Puffer. Nach dem Bericht der Bundesagentur für Arbeit vom Mai 2026 (Berichtszeitraum Jahresdurchschnitt 2025) kamen bei examinierten Pflegefachkräften auf 100 gemeldete Stellen nur 57 Arbeitslose. Bei Pflegeassistenzkräften waren es 223, bei Helfern ohne einschlägige Ausbildung 2.131. Heißt im Klartext: Auf Fachkraftebene können Sie eine Kündigung nicht durch Nachbesetzen auffangen, auf Helferebene schon eher. Insgesamt waren zum Stichtag 30. Juni 2025 rund 1,8 Millionen Pflegekräfte sozialversicherungspflichtig beschäftigt, das entspricht rund 1,3 Millionen Vollzeitäquivalenten (Arbeitszeit einer Vollzeitstelle als Rechengröße). Die Lücke zwischen beiden Zahlen ist Teilzeit, und genau dort liegt Ihr größter ungenutzter Hebel.
Dazu passt die Befragung „Ich pflege wieder, wenn …“ (Arbeitnehmerkammer Bremen, Arbeitskammer des Saarlandes und Institut Arbeit und Technik, gefördert von der Hans-Böckler-Stiftung). Erhoben wurde im Herbst 2021, veröffentlicht im Mai 2022, teilgenommen haben 12.684 Personen, rund ein Viertel davon Ausgestiegene, rund drei Viertel Teilzeitkräfte. Wichtig zur Einordnung, weil die Studie oft falsch zitiert wird: Es ist keine repräsentative Stichprobe, sondern eine Selbstselektion. Die Anteilswerte gelten für die Befragten, nicht für die Pflege insgesamt. Von den befragten Ausgestiegenen erklärten sich gut 60 Prozent zur Rückkehr bereit, im Schnitt mit 30 Wochenstunden. Knapp 50 Prozent der befragten Teilzeitkräfte würden aufstocken, im Mittel um 10 Wochenstunden. Die daraus abgeleiteten 300.000 bis 660.000 zusätzlichen Vollzeitäquivalente sind eine Modellrechnung der Autoren, kein gemessener Wert.
Der für die Praxis wichtigste Befund ist die Rangfolge: An erster Stelle steht eine bedarfsgerechte Personalbesetzung, erst danach kommt die Bezahlung, dann Wertschätzung, verbindliche Dienstpläne und eine vereinfachte Dokumentation. Wer also mit einer Gehaltserhöhung anfängt, während die Besetzung dünn bleibt, setzt am zweiten Hebel an und lässt den ersten liegen.
Was Mitarbeitende wirklich hält
Bindung entsteht nicht durch einzelne Aktionen, sondern durch einen Alltag, in dem sich Menschen ernst genommen fühlen. Besonders wirksam sind:
- Verlässliche Dienstpläne, kurzfristige Änderungen als Ausnahme, nicht als Regel
- Echte Mitsprache bei Abläufen und Entscheidungen
- Entwicklung durch Fort- und Weiterbildung mit klarer Perspektive
- Eine gute Einarbeitung, die neue Kolleginnen und Kollegen nicht allein lässt
- Spürbare Wertschätzung im täglichen Miteinander
Erste Schritte für Ihre Einrichtung
Fangen Sie dort an, wo der Druck am größten ist. Oft hilft schon eine ehrliche Bestandsaufnahme: Fragen Sie Ihr Team, was den Alltag erschwert, und nehmen Sie zwei oder drei Punkte in Angriff, die schnell spürbar sind. Stabile Dienstpläne und eine verlässliche Einarbeitung sind meist die größten Hebel.
Quellen und Stand
Alle Zahlen, Fristen und Rechtsstände in diesem Beitrag wurden zuletzt am 3. August 2026 geprüft. Aktuelle Vakanzzeiten finden Sie im Beitrag Stellenanzeigen in der Pflege.
Quellen anzeigen
- Studie „Ich pflege wieder, wenn …“ (Arbeitnehmerkammer Bremen, Arbeitskammer des Saarlandes, Institut Arbeit und Technik, gefördert von der Hans-Böckler-Stiftung), Erhebung Herbst 2021, veröffentlicht Mai 2022, 12.684 Befragte, nicht repräsentative Selbstselektionsstichprobe
- Statistik der Bundesagentur für Arbeit, Blickpunkt Arbeitsmarkt, Arbeitsmarktsituation in Pflegeberufen, Mai 2026, Berichtszeitraum Jahresdurchschnitt 2025, Beschäftigtenstichtag 30. Juni 2025 (Relation Arbeitslose je 100 gemeldete Stellen: Abbildung 8, Seite 19)
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