Eine großflächige Rötung im Gesäßbereich, in der Doku eingetragen als Dekubitus: Das passiert in jeder Einrichtung, und häufig ist es falsch. Was da vorliegt, ist oft eine inkontinenzassoziierte Dermatitis (IAD, Hautschädigung durch anhaltenden Kontakt mit Urin oder Stuhl).
Der Unterschied entscheidet über die Maßnahme und über Ihre Kennzahlen. Ein Dekubitus entsteht durch Druck, eine IAD durch Feuchtigkeit. Gegen Druck hilft Entlastung, gegen Feuchtigkeit Hautschutz und Kontinenzversorgung.
Wer beides verwechselt, behandelt am Problem vorbei und schreibt sich zusätzlich eine Druckschädigung in die eigene Statistik, die keine war.
Genau für diese Unterscheidung gibt es seit 2023 einen eigenen Expertenstandard: „Erhaltung und Förderung der Hautintegrität in der Pflege“. Er bündelt fünf Hautprobleme zu einem Präventionsauftrag und macht die systematische Hautpflege zur eigenständigen pflegerischen Aufgabe.
Für MD-Prüfung und internes Qualitätsmanagement ist er bereits maßgeblich.
Expertenstandards des DNQP gelten als vorweggenommene Sachverständigengutachten zum Stand der Pflegewissenschaft. Der Standard Hautintegrität erschien im Juni 2023 als Sonderdruck, die vollständige Buchfassung mit den Ergebnissen der modellhaften Implementierung im Juni 2024.
Das Wichtigste in Kürze:
- Fünf Probleme, ein Standard: Xerose, IAD, Windeldermatitis, Intertrigo und Skin Tears als ein Präventionsauftrag.
- Kernforderungen: systematisches Haut-Screening, schriftliche Verfahrensregelung, geschultes Team, nachvollziehbare Dokumentation.
- Häufigster Praxisfehler: eine IAD als Dekubitus einordnen, das verzerrt die Kennzahlen und führt zur falschen Maßnahme.
Dieser Überblick zeigt, was der Standard umfasst, was er von Ihrer Einrichtung verlangt und wo in der Praxis die häufigsten Lücken liegen.
Was ist neu an diesem Standard?
Es ist das jüngste Themenfeld im DNQP-Katalog. Anders als die themenspezifischen Standards zu Dekubitus oder chronischen Wunden bündelt der Hautintegritätsstandard gleich fünf hautbezogene Risiken und Probleme in einem Dokument:
- Xerosis cutis, also trockene Haut, im höheren Alter mit Studienwerten von über 50 Prozent das mit Abstand häufigste Hautproblem
- Inkontinenzassoziierte Dermatitis (IAD), die Hautschädigung durch anhaltenden Kontakt mit Urin oder Stuhl
- Windeldermatitis
- Intertrigo, die entzündete Haut in Hautfalten
- Skin Tears, Hauteinrisse der fragilen Altershaut, etwa beim Transfer
Der Standard ist als Präventionsstandard angelegt. Sein Kernprinzip: erst hinschauen und die Haut gezielt inspizieren, dann pflegen. Die wissenschaftliche Leitung lag bei Prof. Dr. Jan Kottner (Charité Berlin). Ab Mai 2023 wurde der Standard in 31 Einrichtungen aus Klinik, stationärer und ambulanter Langzeitpflege modellhaft implementiert, die Ergebnisse sind in die Buchfassung 2024 eingeflossen.
Was verlangt der Standard von Ihrer Einrichtung?
Wie jeder Expertenstandard beschreibt er ein Qualitätsniveau, das Ihre Einrichtung in eigene Abläufe übersetzen muss. Konkret heißt das:
- Screening und Einschätzung: Bei jedem Menschen mit Pflegebedarf wird der Hautzustand systematisch eingeschätzt, nicht nur bei sichtbaren Problemen.
- Verfahrensregelung: Die Einrichtung legt schriftlich fest, wie Hautinspektion, Hautreinigung und Hautpflege ablaufen und welche Produkte wofür eingesetzt werden.
- Hautschonende Pflege: pH-hautneutrale Reinigung, die den Säureschutzmantel der Haut (etwa pH 5,5) respektiert, und rückfettende Pflegeprodukte, die auf der Haut verbleiben.
- Schulung: Das Team kennt die fünf Problemfelder, kann sie unterscheiden und weiß, welche Maßnahmen jeweils greifen.
- Dokumentation: Hautzustand, Maßnahmen und Verlauf sind nachvollziehbar dokumentiert, das ist im Prüfungsfall Ihr Beleg.
Der häufigste Fehler: IAD als Dekubitus einordnen
Woran Sie die beiden am Bett auseinanderhalten: an Ort und Form der Schädigung.
Ein Dekubitus sitzt punktuell über einer Prädilektionsstelle (besonders gefährdete Stelle über einem Knochenvorsprung), typisch Kreuzbein, Sitzbeinhöcker, Ferse. Die Schädigung ist scharf begrenzt und folgt der Druckstelle.
Eine IAD liegt flächig und unscharf begrenzt in den Kontaktarealen von Urin und Stuhl, oft spiegelbildlich in der Gesäßfalte und in Hautfalten, und sie kann auch dort auftreten, wo gar kein Knochen drückt.
Im Zweifel gilt: Erst die Ursache klären, dann eintragen. Eine falsch eingeordnete IAD kostet Sie zweimal, einmal in der Wirksamkeit der Maßnahme und einmal in der Dekubitus-Kennzahl, die der Medizinische Dienst sieht.
So gehen Sie die Umsetzung an
Bewährt hat sich ein dreistufiges Vorgehen: zuerst eine Bestandsaufnahme, welche Hautpflegeprodukte und Abläufe aktuell im Haus sind, dann eine schlanke Verfahrensanweisung nach dem Standard, zuletzt die Schulung des gesamten Teams samt Anpassung der Pflegedokumentation. Planen Sie die Fortbildung dazu fest in den Jahresfortbildungsplan ein, der Standard ist neu genug, dass der MD gezielt danach fragt.
Wir schulen Ihr Team zum Expertenstandard Hautintegrität. Inhouse oder online, auf dem Stand der maßgeblichen DNQP-Fassung (vollständige Buchfassung Juni 2024, der Sonderdruck 2023 ist der Zwischenstand), mit Teilnahmebescheinigung und Stundennachweis für MD und Heimaufsicht.
Zur AkademieQuellen und Stand
Zuletzt geprüft am 4. August 2026.
Quellen anzeigen
- DNQP, Expertenstandards und Auditinstrumente (Übersicht, Hochschule Osnabrück)
- DNQP, Expertenstandard Erhaltung und Förderung der Hautintegrität in der Pflege (Auszug)
- DNQP, Expertenstandard „Erhaltung und Förderung der Hautintegrität in der Pflege“, vollständige Veröffentlichung Juni 2024 (ISBN 978-3-00-074806-6). Maßgebliche Fassung, sie ersetzt den Sonderdruck von Juni 2023.
- Bibliomed Pflege, Meldung zur Veröffentlichung des Sonderdrucks (29.06.2023). Sekundärquelle, nur zur Datierung des Zwischenstands.
- Hahnel, Lichterfeld, Blume-Peytavi, Kottner: Prevalence of skin conditions in nursing home residents (BMC Geriatrics, 2017)